Jubiläum 20 Jahre Notarztdienst

F.A. Ganthaler, A. Oberhauser, R. Rüscher, F.J. Ganthaler

Im Jahre 1995 postulierte der renomierte Notfallmediziner B. Gorgaß in seinem wissenschaftlichen Fachartikel ?Notwendigkeit und Rationalität flächendeckender Notarztsysteme?, dass jeder Notfallpatient schon am Notfallort von einem Notarzt versorgt werden sollte.

Dr. Franz Josef Ganthaler war seiner Zeit schon damals weit voraus:

Bereits im Jahre 1985 keimten in ihm die ersten Ideen zu einer professionellen Notarztversorgung im Bregenzerwald auf. Er erkannte ? inspiriert und unterstützt durch die Feldkircher Fachkollegen Dr. Albert Reiter, Prim. Dr. Heinz Dunkl und Dr. Hirn ? dass gerade in ländlichen Gebieten mit geringer Krankenhausdichte der Notfallpatient noch vor Ort suffizient erstversorgt werden mußte. Nur so konnte man die Vitalfunktionen wie Bewusstsein, Atmung und Kreislauf erhalten und den Patienten für einen langen Transport ins nächstgelegene Krankhaus stabilisieren und somit sein Überleben sichern.

Dank tatkräftiger Mithilfe der gesamten Ärzteschaft des Bregenzerwaldes und maßgeblicher Unterstützung seitens der Vorarlberger Landesregierung konnte der Notarztdienst Bregenzerwald am 01.11.1988 offiziell seinen operativen Dienst aufnehmen. Bereits im Jahre 1987 hatten alle Allgemeinmediziner des Bregenzerwaldes eine spezielle Ausbildung im Bereich der Notfallmedizin absolviert, was für die damalige Zeit ein absolutes Novum darstellte. Die notfallmedizinische Pionierarbeit wäre ohne die ? meist freiwilligen ? Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Rettungsabteilung Egg und der Rokreuz-Ortsstelle Au nicht möglich gewesen, da die Qualität der Notfallversorgung mit dem eingesetzten Team steigt und sinkt.

?Load and play? kristallisierte sich ? wie in sovielen anderen Notarztsystemen ? in den letzten Jahren als Leitsatz für die Bregenzerwälder Notärztinnen und Notärzte heraus: Der Notfallpatient dabei wird schnellstmöglich unter entsprechender intensivmedizinischer Überwachung und Therapie in das nächstgelegene Zielkrankenhaus geführt. Neuere Studien haben eindrücklich belegt, dass möglichst wenig Zeit in der präklinischen Phase vergeudet werden sollte.

Der Medizinstudent Anton Ganthaler, heute selbst seit vielen Jahren als Notarzt im Bregenzerwald tätig, verfasste von 1995 bis 1997 über die Pionierarbeit seines Vaters an der Abteilung für Notfall- und Katastrophenmedizin der Universität Innsbruck eine Doktoratsarbeit mit dem Titel ?Ländliche Notarztsysteme als Glied der flächendeckenden Notarztversorgung ? Das Notarztsystem Bregenzerwald? und publizierte die Ergebnisse seiner Arbeit weltweit, unter anderem in Portugal, Kopenhagen und sogar in Singapur.

Am 08. November 1998 wurde das zehnjährige Bestehen des Notarztdienstes Bregenzerwald mit einem wissenschaftlichen Symposium und renomierten Referenten aus dem In- und Ausland gebührend gefeiert.

Im Jahre 2003 übergab der Leitende Notarzt Dr. Franz Josef Ganthaler die Führung des Notarztdienstes Bregenzerwald an Notarzt Dr. Rudolf Rüscher und fand in ihm einen mehr als würdigen Nachfolger.

Zusammen mit der Damülser Bergrettung hatte Dr. Ganthaler zuvor im Jahre 1999 ein bespielgebendes First-responder-System installiert: In der vom nächsten Notarzt 10 Kilometer entfernte Berggemeinde Damüls übernehmen Männer der Bergrettung bis zum Eintreffen des Notarztes die Erstversorgung von Notfallpatienten. Auch dieses System ist heute beispielgebend für viele
Regionen.

Die Installation einer webbasierten Statistikerfassung im Jahre 2001 durch die in Liechtenstein ansässige Firma wicom ermöglicht heute eine sehr präzise Datenauswertung. Der Idee von Dr. Anton Ganthaler folgend wurde dies softwaretechnisch von Herrn Karl-Heinz Wild realisiert.

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Einsätze pro Jahr

Pro Jahr werden heute mehr als 400 Notarzteinsätze im Bregenzerwald durchgeführt. 40% der Einsätze entfallen dabei auf Unfälle, wobei Verkehrsunfälle mit 16% deutlich rückläufig sind.

Weitere 40% der Einsätze werden durch internistische Erkrankungen verursacht, wobei davon nur noch 12% auf akute Herzerkrankungen entfallen.

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Einsatzverteilung pro Monat

Verglichen mit dem Zeitraum vor 1996 fällt auf, dass es im Bereich der Einsatzverteilung pro Monat zu deutlichen Verschiebungen gekommen ist: Im Gegensatz zu früher haben die Notarzteinsätze in den Wintermonaten (Jänner 10%) stark zugenommen. Als einsatzschwächste Monate finden sich ? der früher relativ ? einsatzstarke Mai (7%) und November (6%).

Generell lässt sich sagen, dass die Einsatzverteilung pro Monat deutlich mehr ausgeglichen ist als vor 1996, als Juli und Mai noch die Spitzemonate darstellten. Von Juni bis September finden heute ? über das Jahr verteilt ? monatlich je 10% der Einsätze statt.

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Einsatzverteilung pro Wochentag

Werden die Notarzteinsätze nach Wochentage aufgeschlüsselt, so zeigt sich ein ähnliches Bild wie früher: Noch immer ist der Samstag mit 18% der einsatzstärkste Tag - auf das Wochenende von Freitag bis Sonntag entfallen 48% der Einsätze. Während der Woche beobachtet man eine stetige Zunahme der Einsätze bis zum Wochenende.

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Einsatzverteilung pro Uhrzeit

50% aller Einsätze finden zwischen 09.00 und 18.00 Uhr statt, wobei um die Mittagszeit ein deutlicher Anstieg verzeichnet werden kann. Von 21.00 bis 06.00 Uhr finden gesamt nur 18% der Einsätze statt ? diese jedoch meist unter massiv erschwerten Bedingungen.

Im Vergleich zu früher hat sich das Einsatzmaximum vom Nachmittag (15.00-18.00) auf den Vormittag (09.00-12.00) verschoben.

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Zeit Alarmierung bis Eintreffen Notarzt

Rasch am Einsatzort: In 36% der Fälle erreicht der Notarzt den Einsatzort unter 5 Minuten. Dies ist sicher durch das dezentrale Rendez-vous-System zu erklären. Jeder Notarzt fährt mit seinem eigenen Notarzteinsatzfahrzeug (NEF), meist einem umgerüsteten Personenkraftwagen, direkt zum Einsatzort und trifft dort auf den Notarztwagen (NAW) der Rettung.

Bei der Hälfte aller Einsätze (54%) kann binnen 10 Minuten mit dem Eintreffen eines Notarztes gerechnet werden. In 7% aller Einsätze benötigt der Arzt aber länger als 15 Minuten zum Einsatzort, was durch weite und unwegsame Anfahrtswege erklärt werden kann.

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Zeit vor Ort

Verglichen mit den Jahren 1988 ? 1995 hat sich bei der Zeit vor Ort ? also jener Zeit, die der Notarzt vor dem Transport beim Notfallpatienten verbingt ? kaum etwas verändert. Im Schnitt benötigt der Notarzt 30 Minuten, um den Patienten transportfähig zu machen. Allerdings fällt bei der Dokumentation vor Ort auf, dass 25% aller Einsätze zeitlich nicht entsprechend erfasst werden konnten.

Grundlegend stell sich die Frage, ob nicht mehr von ?Stay and play? zu ?Load and go? übergegangen werden sollte ? was bedeutet, die Erstversorgung mehr in den Notarztwagen und somit auf den Transportweg zu verlagern.

Dies würde dem Notfallpatienten einen zusätzlichen Zeitgewinn für die folgende intrahospitale Versorgung bringen.

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Transportzeit

Die Transportzeit zeigt sich deutlich ausgeglichener als früher:

  • 8% bis 10 Minuten,
  • 9% bis 20 Minuten und
  • 11% bis 30 Minuten.

Ursachen hierfür sind in einer verbesserten Infrakstruktur, besseren Fahrzeugen und der hohen Anzahl an Übergaben an Notarzthubschrauber zu sehen. Somit erreichen ca. 30% aller Patienten das Zielspital unter 30 Minuten. 55% aller Einsätze wurden jedoch nicht entsprechend dokumentiert.

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Verteilung nach Geschlecht

60% Männer, 40% Frauen ? vor 1996 waren zwei Drittel aller Notfallpatienten männlich.

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Verteilung nach NACA-Schweregrad

Im Vergleich zu früher ? vor 1996 ? überwiegen heute NACA III Einsätze mit 42% leicht, gefolgt von NACA IV (bestehende Lebensgefahr) Einsätzen mit 39%. Hier hat sich die prozentuelle Verteilung anderen Notarztsystemen angeglichen. Vor 1996 wurden wesentlich mehr NACA IV Notfälle registriert. Unter dem Gesichtspunkt der leicht gestiegenen ? und nun stagnierenden ? Einsatzzahlen dürfte hier auch die Kenntnis der Bevölkerung einen Notarzt direkt vor Ort zu holen, mitspielen.

Dank der hervorragenden Zusammenarbeit mit dem Referat für Notfall- und Katastrophenmedizin der Vorarlberger Ärztekammer unter der Leitung von OA Dr. Peter Spöttl blickt das Notarztsystem Bregenzerwald auf viele erfolgreiche Jahre mit über 5000 behandelten Notfallpatienten zurück. Viele von ihnen wären ohne diese Einrichtung wohl verstorben.

Heute vor 20 Jahren hatten die Notärzte ihre Notarztausbildung abgeschlossen und begannen mit der präklinischen Versorgung der akut verletzten oder erkrankten Personen. Bis zum endgültigen und offiziellen Start des Notarztsystems Bregenzerwald sollten aber noch einige Monate vergehen.

Die im Jahre 1987 absolvierte Notarztausbildung wurde von den Notärztinnen und Notärzten des Bregenzerwaldes zum Anlaß genommen, die Feierlichkeiten ?20 Jahre Notarztdienst Bregenzerwald? im Juni 2007 durchzuführen.

23. Juni 2007 Schwarzenberg, Gasthof Adler

Dr. med. F. Anton Ganthaler
Notarzt / Arzt für Allgemeinmedizin / Fortbildungsreferent der Ärzteschaft Bregenzerwald
Am Stein 435
A-6883 Au im Bregenzerwald
T 0043 5515 2205
F 0043 5515 22059
E anton@ganthaler.at
W www.ganthaler.at

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